#MUTmacher der Digitalisierung

„Was wir in der Transformation wirklich erreichen müssen, sind messbare und nachhaltige Ergebnisse“ 

– Interview mit Bernd Preuschoff, uvex group

Nach 90 Jahren im B2B-Geschäft eröffnete die uvex group im vergangenen Jahr ihren Mehrmarken-Onlineshop. Der beherzte Sprung ins B2C-Geschäft hat sich ausgezahlt – nicht nur monetär. Von den wertvollen Erfahrungen, die dabei gesammelt wurden, berichtet Bernd Preuschoff, CDO der uvex group und CEO der Protecting People GmbH.

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Über die uvex group

Die uvex group ist ein mittelständisches Familienunternehmen mit vier Gesellschaften: uvex safety group, uvex sports group, Filtral group und Protecting People GmbH. Stammsitz der uvex group ist Fürth in Nordbayern, wo auch der größte Teil der Mitarbeitenden angesiedelt ist. Gegründet wurde das Unternehmen 1926 von Philipp M. Winter, der in seiner „Optischen-Industrie-Anstalt“ Schutzbrillen herstellte. Mit 2.959 Mitarbeitern und 49 Tochterfirmen in 22 Ländern erzielte die uvex group im Geschäftsjahr 2020/21 einen Umsatz von 524 Millionen Euro.

Herr Preuschoff, wann ist Digitalisierung erfolgreich – und wie wird sie es?

Preuschoff: Was es nicht sein darf, ist ein Strohfeuer. Das berühmte Leuchtturm-Projekt, das man in vielen Firmen gesehen hat, ist zwar schön und gut, aber es ist wichtig, dass man das Thema nachhaltig anlegt. Ein einfaches Beispiel: Es reicht nicht, wenn es in meinem Team fünf Leute gibt, die Design Thinking verstehen und trainieren, sondern alle Mitarbeiter müssen das Prinzip und das Vorgehen verstanden haben. Erst dann ist es nachhaltig. Wir müssen die Organisation verändern – und das ist viel mehr als diese fünf Leute.

Zweiter Punkt: Man muss sehr schnell die PowerPoint-Ebene verlassen. Digitalisierung verstehen die Menschen am besten, wenn man sie macht – wenn es konkrete Dinge gibt, die man sich anschauen kann.

Der dritte Punkt: Das, was wir erreichen müssen, sind messbare und nachhaltige Ergebnisse! Wir müssen Ergebnisse schaffen, mit denen wir in der Gewinn- und Verlust-Rechnung stattfinden. Sei es, dass wir neue Umsatzquellen eröffnet, gewisse Automatisierungspotentiale gehoben, effizienter zusammengearbeitet oder neue Kundengruppen angesprochen haben ... Wenn wir das nicht nachweisen können, ist Digitalisierung pure Selbstbeschäftigung, und es sieht keiner einen Mehrwehrt darin.

Wo steht die uvex group bei der Digitalisierung?

Preuschoff: Wir sind wie alle auf der Reise, und soweit verläuft die Reise gut. Das ist glaube ich das Beste, was man über eine Transformation sagen kann. Vor allem haben wir bewiesen, dass es funktioniert. Nach 90 Jahren B2B ist es uns gelungen, ein B2C- Geschäftsmodell aufzubauen – und das in allerkürzester Zeit.

Wie sieht die digitale Strategie der uvex group aus?

Preuschoff: Ich glaube, dass digitale Strategien, die vollkommen neben dem Kerngeschäft und neben der DNA liegen, nicht funktionieren. Es geht uns nicht darum, etwas vollkommen Absurdes außerhalb der uvex group aufzubauen, sondern darum, das nächste Kapitel unserer Firmengeschichte zu schreiben. Das große Motto, unter dem wir alle arbeiten, heißt: „Protecting People“. Wir haben uns gefragt, was das in der heutigen Zeit heißt, und kamen ganz schnell auf: „Digitally protecting digital people in a digital world“ (lacht). Das ist jetzt ganz viel „digital“, heißt aber im Endeffekt einfach nur: Wie können wir durch digitale Methoden die Menschen noch besser schützen? Daraus haben sich neue Geschäftsfelder ergeben. Und wie müssen wir selbst arbeiten und uns aufstellen, damit wir in dieser Welt arbeiten können? Die Tatsache, dass wir unseren Online-Shop in knapp einem Jahr aufgestellt haben und im ersten vollständigen Geschäftsjahr voraussichtlich 2,5 Millionen Umsatz machen werden, ist ein schöner Beweis, dass uns beides auch gelingt.

Sie sprechen den Onlineshop für Endkund:innen an, der im vergangenen Jahr eröffnet wurde. Welche Bedeutung hatte dieser Schritt für das Unternehmen?

Preuschoff: Natürlich reduziert man das gerne darauf, dass es ein neuer Umsatzkanal ist. Viel wichtiger ist für mich aber, dass wir eine neue Fähigkeit lernen. Digital akquirierter und digital konvertierter Umsatz ist der Hebel, um weiteres Umsatzwachstum zu generieren. Die Fähigkeiten, die wir uns im B2C-Umfeld aneignen, können wir zum Beispiel für einen B2B-Shop oder andere digitale Marketingaktivitäten genauso nutzen bzw. mit den dortigen Aktivitäten verknüpfen. Der Schlüssel ist, so schnell wie möglich Synergien zu schaffen und das Gelernte weiterzugeben. Ich glaube, dass das der große Wertbeitrag ist, um uns als Gruppe voranzubringen.

Welche Hürden waren beim Aufbau des Online-Markenshops zu meistern?

Preuschoff: Unser ganzes Geschäft ist traditionell sehr auf B2B ausgerichtet, was schon allein ganz andere Zyklen im Verkauf mit sich bringt. Während der Fachhandel seine Vororder platziert, um bevorratet zu sein, ist ein B2C-Shop „always on“. Eine weitere Herausforderung: Wir haben ein sehr breites und oft erklärungsbedürftiges Sortiment, von Schutzhandschuhen und Kleidung für den Heimwerker bis hin zu Brillen, Helmen und Schlössern für den Sportler. Statt für jede unserer Marken einen eigenen Shop aufzubauen, haben sich unsere Gesellschafter für einen Mehrmarkenshop entschieden. Wir wollten nicht für jede Marke die gleiche Lernkurve bezahlen, sondern Synergieeffekte nutzen. Das führt allerdings zum Teufel im Detail. Zum Beispiel gibt es bei Schutzhelmen andere Dimensionen für die Größen als bei Fahrradhelmen – während den Endnutzern wichtig ist, auf der Suche nach der passenden Größe einfach filtern zu können. Das sind solche Dinge, die man dann lösen muss. Und man muss auch schauen, wie man jede einzelne Marke innerhalb eines solchen Gesamtauftritts trotzdem glänzen lassen kann.

Wie würden Sie die Unternehmenskultur der uvex group beschreiben? Inwiefern ist sie für die Digitalisierung des Unternehmens wichtig?

Preuschoff: Zum einen sind wir alle sehr unternehmerisch unterwegs. Das hilft ungemein. Dazu gehört antizyklisches Denken, Risiken einzugehen, sich ganz bewusst einen Markt anzuschauen und dann weitreichende, in die Zukunft gerichtete Entscheidungen zu treffen. Unsere Unternehmerfamilie verkörpert das seit Generationen.

Das andere ist der sportliche Aspekt. Es macht was mit Ihnen, wenn Sie ganz viel mit Olympiasiegern und Weltmeistern arbeiten und sehr stark im Leistungssport vertreten sind. Wir verwenden intern oft das Bild: „Wir wollen aufs Siegertreppchen.“ Das ist ein Anspruch, den wir alle haben. Gleichzeitig haben wir ein sehr herzliches Miteinander. Eine Firma, die alles unter das Thema „Protecting People“ stellt, zieht eine bestimmte Art von Leuten an. Das in Summe – unternehmerisch denken, sportlich und mit Herz – ist ein tolles Umfeld zum Arbeiten und um Innovationen, neue Geschäftsmodelle usw. anzugehen.

Was plant die uvex group für die kommenden Jahre?

Preuschoff: Ich höre als CDO oft die Frage: „Wird uvex disrupiert?“ Da muss ich immer ein bisschen schmunzeln. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir auch in den nächsten Jahren und Jahrzehnten im Wesentlichen mit dem Verkauf von Produkten unseren Umsatz machen. Solange sich Menschen mit ihrem verletzlichen Körper in Gefahrensituationen begeben – sei es beruflich oder privat – so lange wird man auch Schutzprodukte brauchen. Da habe ich großes Vertrauen in unsere Innovationsfähigkeit im Produktbereich und die Arbeit, welche die Kollegen dort leisten.

Allerdings glaube ich, dass es immer mehr Produkte geben wird, die durch einen digitalen Service ergänzt werden. Ein Beispiel ist der Tocsen Sturzsensor: Wenn Sie stürzen und sich nicht rühren, ruft der Helm Hilfe und sagt, wo Sie sind. Wir sehen uns zudem sehr genau an, was im Technologiebereich geschieht und zum Beispiel beim Thema KI möglich ist, gehen dann Partnerschaften ein, die uns beim Lernen weiterbringen, und sind unter anderem Mitglied im Bundesverband KI.

Wir haben einen „Nordstern“, aber können nicht in allen Projekten immer konkret sagen, wo es hingeht, weil wir auch erkunden müssen und wollen. Wir trainieren und lernen, und jedes Jahr gibt es neue Themen. Wichtig ist, dass es stets nach vorne geht und dass wir uns immer neue Fähigkeiten aneignen.

Welche Tipps haben Sie für andere Unternehmen, bei denen die Digitalisierung schleppender verläuft?

Preuschoff: Der erste Schwur, den Sie leisten müssen, ist: „Wollen wir das wirklich?“ Digitalisierung ist etwas, das können Sie nicht nur ein bisschen wollen und nur ein bisschen machen. Digitalisierung ist in der Welt da draußen schon lange normal. Dieses Fremdeln, dieser Begriff „digitale Transformation“ ist ein reines Business-Phänomen. Fragen Sie eine x-beliebige Familie nach den Top-5 Problemen, die sie aktuell beschäftigen. Ich mache jede Wette: Digitale Transformation kommt nicht vor! Digitalisierung hat bei den Menschen da draußen den Stand von klassischer alter IT: Man merkt sie nur, wenn sie nicht funktioniert.

Der zweite Schwur ist: Digitalisierung ist Führungsaufgabe. Wenn ich als Geschäftsführer oder Führungskraft den Anspruch habe, mein Unternehmen in die Zukunft zu bringen, kann ich das Thema Digitalisierung nicht zu 100 Prozent delegieren. Es gibt heute keinen Kunden mehr ohne Systeme, keine Supply Chain ohne Systeme, keine Produktion ohne Systeme ... Also sollte zum Repertoire eines Business-Profis heute auch ein Verständnis für die Grundlagen der Digitalisierung gehören. Ohne geht es einfach nicht mehr – und es wird in Zukunft immer weniger gehen.

Das Dritte: Es ist wichtig, den Schmerz auszuhalten. Jeder Sportler kennt das Phänomen: Wenn du richtig trainiert hast, tut dir danach alles weh. Aber in dem Moment, wo es wehtut, werden Muskeln aufgebaut. Man merkt: Mein Körper – oder hier: mein Unternehmen – verändert sich, und ich lerne etwas Neues. Ich glaube, dass man den Menschen reinen Wein einschenken muss: „Wir werden uns verändern, und das wird auch mal knirschen.“ Damit können Menschen wunderbar umgehen, weil sie es kennen. Es wird nur schwierig, wenn wir ihnen etwas anderes erzählen. Wichtig ist: Wir wollen nach vorne. Wir wollen alle aufs Siegerpodest. Wer Lust hat auf die Reise, der geht sie mit, auch wenn sie mal steinig ist.

Mein vierter Tipp: die richtigen Leute zusammenstellen. Wenn wir eine neue Fähigkeit aufbauen und Leute dazu holen wollen, die Dinge können, die wir noch nicht können, dann muss man diese Menschen auch aushalten! Ich beschreibe das gerne mit dem „Herrn der Ringe“: Sie brauchen einen Krieger, einen Bogenschützen, einen Zwerg, einen Zauberer ... alle Disziplinen. Denn sie wissen nicht, was ihnen begegnet. Wenn sie nur Krieger haben, und dann ist da plötzlich ein dreißig Zentimeter großes Loch, dann wäre ein Zwerg die bessere Wahl gewesen. Diversität bedeutet nicht nur Mann/Frau, sondern auch jung/alt, unterschiedliche Hintergründe, unterschiedliche Fähigkeiten ... Leute, die maximal Unterschiedliches können, aber maximal auf ein gemeinsames Ziel eingeschworen sind. Daraus ergeben sich tolle Kulturen und Gemeinschaften.

Bei einer Führung in einer Transformation müssen Sie auch ganz klar sagen, was Sie nicht bereit sind, zu akzeptieren. Für den Trainer einer Mannschaft ist es nicht das größte Problem, dass nicht alle Top-Leistungen bringen – sondern, dass einer eine ruhige Kugel schiebt und der Rest sieht, dass es zulässig ist. Nichts ist demotivierender für die Leistungsträger in ihrem Team. Wir wollen das Unternehmen verändern. Wir gehen in einen neuen Bereich, den wir alle nicht kennen, wir müssen die Organisation mitnehmen, wir müssen Ängste überwinden ... Wenn da einer sagt: „Komm ich heut nicht, komm ich morgen“, gefährdet das mittelfristig die gesamte Mission. Das müssen Sie klipp und klar ansprechen und Ihre Erwartungshaltung formulieren.

Noch etwas finde ich ganz wichtig. In den Transformationsteams sind naturgemäß in der Regel die Neuen und oftmals auch eher Jüngeren. Die Frage ist also: Wie überzeugen Sie die Organisation? Es gibt mindestens zwei Argumente, mit denen man Sie ganz leicht zur Seite schieben kann: „Sie kennen den Laden nicht, und sie sind ja noch jung.“ Nach 22 Jahren Transformation bin ich daher der festen Überzeugung: Die beste vertrauensbildende Maßnahme ist, dass Sie die besten Ergebnisse bringen, auch was die Basissachen betrifft: die beste Agenda, die beste Workshopvorbereitung, die besten Folien ... Dass man immer sieht, dass aus Ihrem Team ein Qualitätsstandard kommt, auf den man sich verlassen kann. Wenn man mit Ihnen redet und dann noch feststellt: Sie sind eigentlich cool drauf und lustigerweise ist ihr ganzes Team so – das ist dann eine richtig gute Mischung. Mit Ihnen und Ihrem Team zu arbeiten, muss ein Erlebnis sein.

Herr Preuschoff, wir bedanken uns herzlich für die Einblicke und hilfreichen Tipps. Wir wünschen Ihnen weiter viel Spaß und Erfolg auf der Reise.

Bernd Preuschoff beschreibt im Interview sehr eindrucksvoll, dass Digitalisierung im Unternehmen kein „Strohfeuer“ sein darf, und stellt für den Erfolg vor allem den Faktor Mensch in den Vordergrund. Meine Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen hat genau das gezeigt. Alle Menschen im Unternehmen müssen auf dem Weg der Digitalisierung mitgenommen werden. Nur so erreicht man die notwendige Akzeptanz für Veränderung und Neues – und sichert damit den Erfolg des Unternehmens nachhaltig.
Ich finde, das Interview mit Herrn Preuschoff ist ein tolles Beispiel dafür, welches Mindset Führungskräfte benötigen, um Digitalisierung erfolgreich zu gestalten, und bin davon überzeugt, dass uvex mit dieser Mentalität genau richtig aufgestellt ist, um langfristig erfolgreich am Markt zu sein. Herrn Preuschoff und dem gesamten uvex Team wünsche ich weiterhin viel Spaß und Erfolg auf ihrer Digitalisierungsreise.

 

Patrick Aigner (Account-Manager SVA Würzburg)