#MUTmacher der Digitalisierung

„Wir können so viel voneinander lernen“ 

– Interview mit Ute Mündlein, Wuerzburg Web Week

Sichtbar machen, was in Sachen Digitalisierung in der Region passiert, und gleichzeitig Menschen miteinander vernetzen: Diese Ziele hatte Ute Mündlein vor Augen, als sie die Wuerzburg Web Week initiierte. Ihre Idee fiel auf sehr fruchtbaren Boden, wie sie im Interview erzählt. Heute wünscht sich Ute Mündlein, dass sie andere dazu inspiriert, in ihren Regionen etwas Vergleichbares zu organisieren. Denn sie ist überzeugt: Das würde der deutschen Wirtschaft guttun.

Wuerzuburg Web Week im Mutmacher Interview
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Über die Wuerzburg Web Week

Die Wuerzburg Web Week (WueWW) hat sich in kürzester Zeit als zentrale Veranstaltung für digitale Innovation und Digitalisierung in der Region Mainfranken etabliert. Zum Auftakt 2018 gab es bereits 86 Veranstaltungen – 2021 waren es 205. Wer im Rahmen der WueWW eine Veranstaltung anbieten möchte, hat dazu alle Freiheiten: Weder Format noch Ort oder Zeitrahmen sind vorgegeben. So entsteht eine vielfältige Mischung aus Vorträgen, Workshops, Barcamps und anderen Events.

Wie entstand die Idee zur Wuerzburg Web Week?

Mündlein: Seit 2011 gibt es in Nürnberg eine Web Week, und ich fand es sehr spannend, was dort passiert. 2017 saß ich abends mit anderen in der Kneipe und dachte plötzlich: „Es wäre doch super, wenn wir auch in Würzburg eine Web Week hätten!“ Wir haben überlegt, welche IT-Unternehmen und -Akteure wir ansprechen könnten, und sind auf ungefähr 60 Namen gekommen. Am nächsten Tag habe ich Gunther Schunk (heutiger Mitorganisator, Anm. d. Red.) angeschrieben, der auch sofort auf die Idee angesprungen ist. Dann haben wir beide angefangen, mit Leuten darüber zu sprechen, und das Würzburger Konzept einer Web Week erarbeitet.

Wie war die Resonanz?

Mündlein: Es war sofort eine Begeisterung da! Ende Oktober 2017 habe ich auf dem Barcamp in Würzburg verkündet, dass wir 2018 eine Web Week machen wollen. Da gab es eine wirkliche Aufbruchsstimmung, und ich dachte zum ersten Mal: Das könnte was werden! Im Januar 2018 habe ich die Website freigeschaltet, und Anfang März 2018 fand die erste Wuerzburg Web Week statt. Ich hätte es schon super gefunden, wenn wir vielleicht zwanzig Veranstaltungen gehabt hätten, aber es waren dann gleich zum Auftakt 86. Wir sind völlig überrannt worden. Im Jahr darauf dachte ich: „Wenn wir hundert Veranstaltungen haben, wäre das klasse.“ Und dann waren es 140 ... Die Idee ist auf einen sehr fruchtbaren Boden gefallen.

Was hat Sie an der Nürnberger Web Week so begeistert, dass Sie gesagt haben: Das brauchen wir in Würzburg auch?

Mündlein: Was mich so begeistert hat, war, dass einfach mal sichtbar gemacht wird, woran Menschen und Unternehmen in der Region arbeiten. Unser Ziel war es zu zeigen: Würzburg ist auch ein IT-Standort. Bekannt sind wir vor allem für unsere Hochschulen und Verwaltung sowie einige große Unternehmen. Wir haben 38.000 Studierende, von denen viele nach dem Studium wegziehen, weil sie denken, dass es hier keine attraktiven Arbeitsplätze und spannenden Unternehmen für sie gibt. Das finde ich sehr schade. Schließlich stehen wir mit anderen Regionen im Wettbewerb um die besten Talente. Die Fachkräfte sind es aber, wovon die Zukunft der Unternehmen, Organisationen und Kommunen ganz besonders abhängen wird.

Dieses Konzept ist ganz offensichtlich aufgegangen ...

Mündlein: Ja, es ist uns gelungen, das Thema Digitalisierung im Beruflichen wie im Privaten hier in Mainfranken sichtbar zu machen und gleichzeitig Leute zu vernetzen. Wer weiß, was sich daraus ergibt, wenn sich Menschen bei so einer Veranstaltung kennenlernen? Vielleicht entsteht daraus noch einmal etwas komplett Neues.

Überrascht es Sie selbst, was Ihre Region alles zu bieten hat?

Mündlein: Total! Wir hatten dieses Jahr 205 Veranstaltungen. Damit hätte ich nie gerechnet. Und ich bin auch immer noch erstaunt, was es alles gibt. Ein Beispiel: Das Bayrische Digitalministerium fördert XR-Hubs, um Virtual, Augmented und Mixed Reality voranzubringen. Ich wusste bis vor Kurzem nicht, dass wir hier in Würzburg so ein Hub haben, das sich auf Forschung und Wissenstransfer konzentriert. Das ist schon toll.

Wie ist Ihr Eindruck: Wo steht Mainfranken im Vergleich zu anderen Regionen?

Mündlein: Das Einzige, was uns unterscheidet, ist: Wir haben eine Web Week! Ich bin sehr davon überzeugt, dass in jeder Region unheimlich viel passiert. Meistens kriegt man es aber gar nicht mit, weil es kein übergeordnetes Veranstaltungsformat gibt, sondern nur Einzelaktivitäten von Firmen, der IHK oder Gründerzentren. Wir haben es geschafft, alle diese Player in einer Woche zusammenzubringen. Dafür ist das Konzept Web Week als Plattform gut geeignet.

Wie würden Sie die Lage einschätzen: Wie weit ist Deutschland bei der Digitalisierung?

Mündlein: Wir müssen weiter sein, als man denkt. Wir sind ja Weltmeister im Beklagen und Bejammern, und es ist auch tatsächlich vieles nicht gut. Man kann zum Beispiel wirklich nicht sagen, dass die öffentliche Verwaltung schon sehr weit vorne wäre. Aber die Unternehmen müssen von sich aus schon viel machen, um am Markt zu bestehen.

Eine der größten Aufgaben für Unternehmen ist, dass sie die Mitarbeiter für Digitalisierung begeistern. Digitalisierungs-Projekte werden aber meistens „on top“ gemacht: Ich habe ein Aufgabengebiet und soll mich noch zusätzlich um so etwas wie Marketing Automation kümmern. Das ist schade, weil diese Projekte dann nicht ausreichend gewürdigt werden. Häufig ist es auch so, dass solche Themen immer wieder bei den gleichen Personen landen, die irgendwann völlig überlastet sind. Entscheidend ist, die vielen anderen Mitarbeiter mitzunehmen und zu sagen: „Mensch, schau doch mal, was in deinem Bereich alles automatisiert oder digitalisiert werden kann! Was können wir noch besser machen? Was gibt es für Dinge, die du vielleicht bei anderen Unternehmen gesehen hast oder von denen du mal was gehört hast? Probier doch mal was aus!“ Digitalisierung funktioniert nicht ohne Menschen.

Sie sind in Würzburg auf viele Unternehmen gestoßen, von denen Sie sagen: Es ist erstaunlich, was sie schon machen. Können Sie dafür ein paar Beispiele geben?

Mündlein: Unabhängig davon, dass Sie dieses Interview für SVA führen, finde ich es sehr, sehr erstaunlich, welche Bandbreite in den sieben Vorträgen abgedeckt wurde, die SVA bei der Web Week gehalten hat: vom autonomen Fahren bis zur Frage, wie die User mit IT-Projekten glücklich gemacht werden. Ein anderes Beispiel ist das Universitätsklinikum. Sie hatten einen Vortrag, wie man KI in der Radiologie einsetzt, um doch noch ein, zwei Fälle zu finden, die der Arzt vielleicht übersehen hätte. Auch die Veranstaltung von Würth fand ich sehr interessant. Sie haben das Thema Robotics und Intralogistik vorgestellt: Wie kann ich den Versand stärker automatisieren, indem Roboter die Versandbehälter von A nach B bringen? Die Mitarbeiter in der IT haben dort die Gelegenheit, einfach mal Technologien auszuprobieren. Sie müssen nicht etwas „on top“ machen, sondern es wird bewusst gesagt: „Ich gebe euch den Freiraum – experimentiert!“ Das finde ich faszinierend.

Wir wird es mit der Wuerzburg Web Week weitergehen?

Mündlein: Es steht definitiv fest, dass es im nächsten Jahr eine 5. Wuerzburg Web Week geben wird. Wer hätte das anfangs gedacht, dass wir mit einem wirklich sehr kleinen Team so eine Begeisterung auslösen? Ich hoffe, dass dieses Beispiel anderen Mut macht, für ihre Region etwas Vergleichbares zu organisieren. Es lohnt sich! Man kriegt so viel zurück. Ich erhalte sehr viel Wertschätzung und positives Feedback. Unser gesamtes, sechsköpfiges Team spürt, dass wir damit in der Region etwas bewegen.

Ich fände es schön, wenn es in Deutschland mehr Web Weeks geben würde. Das würde der Wirtschaft guttun. Eine Web Week macht sichtbar, was alles passiert, und dass eben nicht alles nur schlecht ist. Wir können so viel voneinander lernen! Wenn für eine Keynote jemand aus dem Silicon Valley eingeflogen wird, der ein Millionen-Budget hat, frage ich mich immer: Was soll denn ein Kleinunternehmen davon lernen? Wo ist da der Transfer? Es ist doch viel inspirierender, wenn ich vom Handwerker nebenan erfahre, was er macht, als wenn mir Google erzählt, was sie machen. Deswegen finde ich das Format der Web Week so schön: weil es viel bodenständiger und nahbarer ist.

Vielen Dank für das interessante Interview, Frau Mündlein! Wir wünschen viel Erfolg für die nächste Wuerzburg Web Week.

„Digitalisierung funktioniert nicht ohne Menschen“, sagt Ute Mündlein im Interview sehr treffend. Sie und das Team der Wuerzburg Web Week sind selbst der beste Beweis dafür, dass auch einzelne Menschen einen großen Beitrag zur Digitalisierung leisten können. Es beeindruckt mich sehr, was sie in kürzester Zeit in Würzburg auf die Beine gestellt haben. Dieser Drive hat uns heuer zum zweiten Mal so begeistert, dass wir wieder aktiv an der Web Week teilgenommen und für 2022 schon eine Zusage gegeben haben. Ich wünsche Ute Mündlein und dem Team weiterhin sehr viel Freude und Erfolg mit ihrer Arbeit und hoffe, dass sich viele Menschen von ihrem Beispiel inspirieren lassen. 

 

Marc Bonkosch (SVA Leitung Niederlassung Würzburg)